/ fructa
space
/


2019

Marius Glauer
Glauer Joie De Vivre




Glauer
Joie De Vivre

By Marius Glauer

08.09.2019 - 26.10.2019
Eröffnung: 07.09.2019, 18 Uhr

Mit Lesungen von Jan Erbelding

I) - 20.09.2019, 17 Uhr - durchdrehen / weggefahren

II) - 28.09.2019, 19 Uhr - Der Wille zur Dekoration / Naturbetrachtungen

III) - 26.10.2019, 19 Uhr - Soundtrack / Lust for Life beziehungsweise joie de vivre

Powered by Christian Ganzenberg


Glauer Joie De Vivre. Diese Ausstellung ist ein Gefühl. Ein Moment, in dem das Dopamin zu tanzen beginnt, wir der Euphorie verfallen. In diesem Zustand unmittelbarer Gegenwart liegt alles so nah beieinander, dass es kaum auszuhalten, geschweige denn auseinanderzuhalten ist. Versuchen wir uns an Momente der Lebensfreude zu erinnern, gelingt das nur bedingt, denn Erinnerungen treffen nie den Punkt. Auf der Suche diese Empfindung zu fassen, hat sich Marius Glauer seinem Archiv gewidmet und seine Tentakel nach foto-biografischem Quellenmaterial ausgefahren.

Auf der Fassade des Hauses begegnen uns drei junge Männer. Three Horses. Billboard-groß steht Glauer neben zwei Freunden an einem Strand in Madagaskar. Das Bild wirkt gestellt, als hätte es die Vorahnung gegeben, dass es eines Tages bedeutend werden könnte. Naive Unbändigkeit, Hoffnungen, Träume, Glaube und Zweifel. Alles scheint hier schon angelegt zu sein, aber nichts ist ausformuliert. Glauer reflektiert eine vergangene Beobachtung, wir beobachten diese Beobachtung der Beobachtung. Nach Luhmann geht es bei solchen Beobachtungen zweiter Ordnung nicht mehr um das Was, sondern um das Wie. Und dieses Wie findet sich in Materialität und skulpturaler Geste der Installation. Auf einem leicht durchhängenden, transluzenten Mesh wirkt die Reproduktion des Bildes wie die Abstraktion einer Erinnerung. Wir betrachten eine vergangene Zukunftsvorstellung und die Perforation lässt das Bild atmen, Erinnerungen aufleben.

Hinter dieser Membran finden wir im farbigen Schimmer von Three Horses die raumgreifende Installation Dreams and Memories, die aus einer hängenden PVC-Folie und der titelgebenden Fotografie Joie de Vivre besteht. Farben verlaufen, Motive fallen ineinander und erstarren in einer fragilen Schwebe zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Georgia O’Keefe meets Jeff Koons. Unsere Augen versuchen die Oberflächen zu sortieren, Sinnschichten freizulegen. Die brillante Schärfe des rinnenden Nagellacks bricht sich im sphärischen Schleier der Orchideenblüte. Natur und Künstlichkeit. Kurzes Innehalten. Ein Gefühl kommt auf. Erinnerung oder Halluzination? Doch das Benennbare, das Empfinden zerstäubt in einem Hauch von Euphorie.

Auf der gegenüberliegenden Wand findet sich eine weitere Blüte. Rosa, fallend, im Auge des Orkans. Anima. Die glänzend silbrige Tasche wird zum Animus, zur silbrigen Welle, die unsere Blüte umherwirbelt und Pirouetten tanzt. Ein Überschuss an Dopamin und Serotonin. Dark Blossom Margiela fixiert diesen Flow-Moment. Die ephemere Materialassemblage mutiert zu einem Stillleben. Lichtbrechungen werden zu hyperrealen Effekten. Maßstäblichkeit wird in Frage gestellt. Schemenhaft erahnen wir die dämonischen Hände des Künstlers. Wir taumeln in einer visuellen Ballade. Champagner. Gläser stoßen aneinander. Kling.

Marius Glauer (b. 1983, Oslo, Norwegen) ist ein in Berlin lebender Künstler. Er studierte an der Parsons New School for Art and Design in New York und schloss sein Studium an der UdK Berlin als Meisterschüler von Josephyn Pryde ab. Seine Arbeiten wurden u. a. bei Addsdonna, Chicago; Heit, Berlin; Kunstnernes Hus, Oslo, und bei der Daimler Art Collection, Berlin, gezeigt. 2010 hat Marius Glauer – zusammen mit Gernot Seeliger – den artist-run space Heit, Berlin, mitbegründet und bis 2017 zahlreiche Ausstellungen organisiert.


Glauer Joie De Vivre bringt neben der Installation von Marius Glauer zudem eine neue dreiteilige Lesung von Jan Erbelding zur Aufführung. Erbeldings künstlerische Praxis ist textbasiert und vermittelt sich vor allem durch seine Performances/Lesungen. Hier ist Text nicht nur Schriftbild und Inhalt, sondern im Prozess des Vortragens, das grundsätzlich vom Künstler selbst übernommen wird, eröffnen sich weitere Wahrnehmungsebenen. Ausgangspunkt der Texte sind meist Beobachtungen der unmittelbaren Umgebung oder persönliche Erlebnisse des Künstlers: körperliche Empfindungen, Emotionen, Alltags- und Naturbetrachtungen, Tagträume und Imaginationen, Versatzstücke von Dialogen, Gedankenströme. Diese verflechtet Erbelding gekonnt mit theoretischen und literarischen Referenzen sowie gesellschaftspolitischen Kommentaren zu dichten, poetisch-assoziativen Berichten eines Ich-Erzählers. In Lesungen wirken diese Texte noch intensiver, wie aneinandergereihte, atemlose Beschreibungen intimer Wahrnehmungs- und Denkprozesse. Durch die geraffte, seltsam gedämpfte Vortragsweise, bei der sich verschiedene Sounds, Sprachen und Geschwindigkeiten mischen und miteinander dynamisieren, vermitteln sich nicht nur Oberflächlichkeiten, Stoff- und Sinnlichkeit, sondern der Zuhörer findet sich wieder in einer diffusen, emotional aufgeladenen Atmosphäre. Obwohl die Dinge sehr konkret und plastisch benannt werden, verbleiben Jan Erbeldings Texte in einem wunderbar latent unscharfen Stadium der Abstraktion, schwer greifbar und nur individuell vom Zuhörer zu komplementieren. Aus dieser Textpraxis sind derweil auch Druckwerke erwachsen, die konkreter Poesie ähneln und mitunter Teil der Installationen werden. Zudem finden sich seit diesem Jahr erstmals auch lakonisch-poetische Objekte, wie die Uhren, die aus Kartonagen entstehen. Diese Objekte sind dingliche Manifestationen von etwas, das keine Existenz hat und dem wir dennoch unterworfen sind: der Zeit. Diese Uhren sind ungenau genau, Zeit wird nicht mehr lesbar, bleibt aber dennoch (be-)greifbar. Hier wird Poesie philosophisch: „Wir liegen in wirklicher Haft an unwirklichen Ketten. Die Zeit, die selber etwas Unwirkliches ist, verbreitet über alles und uns selbst einen Schleier der Unwirklichkeit.“ (Simone Weil)

Jan Erbelding (b. 1984, Freudenstadt) ist ein in München lebender Künstler. Nach einer Fotografenlehre und einem Medienkunststudium an der HfG Karlsruhe studierte er freie Kunst an der AdBK München und schloss dieses als Meisterschüler bei Olaf Nicolai ab. Seine Arbeiten waren zuletzt zu sehen in der Kunsthalle Wien; im Eigen Art LAB, Berlin; Stiftung Federkiel, München; Kunsthalle BadenBaden/Cité, BadenBaden; Kreuzberg Pavillion, Berlin; D21, Leipzig und Kunsthalle Baselland, Basel. Jan Erbelding betreibt – zusammen mit Leo Heinik und Maria von Mier – Ruine München, einen Offspace, der Ausstellungen im Format einer Publikation realisiert, die jeweils einer Künstlerin gewidmet sind.

Text: Christian Ganzenberg





















Glauer
Joie De Vivre

By Marius Glauer

08.09.2019 - 26.10.2019
Opening: 07.09.2019, 6 pm

With readings by Jan Erbelding



I) - 20.09.2019, 17 Uhr - durchdrehen / weggefahren

II) - 28.09.2019, 19 Uhr - Der Wille zur Dekoration / Naturbetrachtungen

III) - 26.10.2019, 19 Uhr - Soundtrack / Lust for Life beziehungsweise joie de vivre

Powered by Christian Ganzenberg

Glauer Joie De Vivre. This exhibition is a feeling. A moment when dopamine begins to dance, and we fall prey to euphoria. In this state of immediate presence, the mutual proximity of everything can hardly be endured, let alone be distinguished. When we try to remember moments of loving life, of joie de vivre, we don’t quite succeed, as memories never quite do it justice. In his quest to capture this sensation, Marius Glauer dedicated himself to his archive and extended his tentacles in the search for photographic-biographical source material.

On the façade of the house we encounter three young men. Three Horses. Billboard-sized Glauer stands next to two friends on a beach in Madagascar. The picture seems contrived, almost conscious of a possible future significance. Naïvely boisterous, with hopes, dreams, faith and doubt. It seems as if everything is there in potential, but nothing has yet taken form. Glauer reflects a past observation, we observe this observation of an observation. According to Luhmann, such second-order observations are no longer about the What, but about the How. And this How is found in the materiality and the sculptural gesture of the installation. On slightly sagging, translucent mesh, the reproduction of the image appears like the abstraction of a memory. We look at a past vision of the future, and the perforation allows the image to breathe and memories to come to life again.

Behind this membrane, in the colourful shimmer of Three Horses, the installation Dreams and Memories takes up the space. It consists of a hanging PVC foil and the eponymous photograph Joie de Vivre. Colours blend, motifs are falling into each other, freezing in a fragile limbo between two- and three-dimensionality. Georgia O'Keefe meets Jeff Koons. Our eyes try to sort out the surfaces, to uncover layers of meaning. The brilliant focus of the flowing nail polish is refracted in the spherical veil of the orchid blossom. Nature and artificiality. A brief hesitation. A feeling arises. Memory or hallucination? The effable and the sensation dissolve in a breath of euphoria.

Another flower can be found on the opposite wall. Pink, falling, in the eye of the hurricane. Anima. The shiny silvery bag becomes the animus, the silvery wave to whirl our flower around, to pirouette. An abundance of dopamine and serotonin. Dark Blossom Margiela captures this moment of flow. The ephemeral material assemblage mutates into a still life. Refractions of light become hyperreal effects. Scale is called into question. We divine the outlines of the artist’s demonic hands. We stagger within a visual ballad. Champagne. Glasses chink. Clink.

Marius Glauer (b. 1983, Oslo, Norway) is an artist living in Berlin. He studied at the Parsons New School for Art and Design in New York and completed his studies at the UdK Berlin as a master student of Josephine Pryde. His works have been shown at Addsdonna, Chicago; Heit, Berlin; Kunstnernes Hus, Oslo, and the Daimler Art Collection, Berlin. In 2010, Marius Glauer – together with Gernot Seeliger – co-founded the artist-run space Heit, Berlin and organised numerous exhibitions until 2017.

Glauer Joie De Vivre presents the installation by Marius Glauer as well as a new three-part reading by Jan Erbelding. Erbelding's artistic practice is text-based and communicated primarily through his performances/readings. Here, text is not only written image and content. Rather, in his process of personal recitation the artist opens up even more levels of perception. The texts usually revolve around impressions of the artist’s immediate surroundings or personal experiences: physical sensations, emotions, observations of everyday life and nature, daydreams and imaginations, set pieces of dialogue, streams of thought. Erbelding skilfully interweaves them with theoretical and literary references as well as sociopolitical commentary to create poetic-associative accounts of a first-person narrator. In readings, these texts have an even more intense effect, like breathless descriptions of intimate thought processes and perceptions. Through condensed and extraordinarily subdued delivery, different sounds, languages, and speeds mix. They advance dynamically, conveying more than superficialities, materiality, and sensuality. The listener instead finds herself in a diffuse, emotionally charged atmosphere. In spite of the very precise and vivid expressions, Jan Erbelding’s texts remain in a wonderfully indistinct stage of abstraction, difficult to grasp. Only the individual listener can complement the ambiguity. Occasionally, printed works resembling Concrete Poetry are the outcome of this textual practice, and some even become part of art installations. Moreover, for the first time this year, the reading features laconicpoetic objects such as the Clocks made from cardboard boxes. These objects are material manifestations of that which has no existence, and yet we are subject to it: time. The clocks are deliberately inaccurate. Time is no longer readable, but remains tangible. Here poetry becomes philosophical: “We live in real imprisonment in unreal chains. Time, itself something unreal, spreads a veil of unreality over everything and over ourselves.” (Simone Weil)

Jan Erbelding (b. 1984, Freudenstadt) is an artist living in Munich. After an apprenticeship as a photographer and attending Media Art studies at HfG Karlsruhe, he studied at AdBK Munich and graduated as a master student of Olaf Nicolai. His most recent works were shown at the Kunsthalle Wien, Vienna; at Eigen Art LAB, Berlin; Stiftung Federkiel, Munich; Kunsthalle BadenBaden/Cité, Baden-Baden; Kreuzberg Pavillion, Berlin; D21, Leipzig, and Kunsthalle Baselland, Basel. Together with Leo Heinik and Maria von Mier, Jan Erbelding runs Ruine München, an offspace for manifesting exhibitions in the format of publication, each one dedicated to a specific artist.

Unterstützt durch die Landeshauptstadt München
Stadtbezirk Neuhausen - Nymphenburg


3/14